Ausgerechnet in Kreuzberg gibt es den ersten Berliner Fanclub der TSG 1899 Hoffenheim.
Foto: Andreas Labes
In Kreuzberg ist man Seltsames gewohnt. Clubchef Johann Maria (l. in einem usbekischen Mantel) mit Hoffe-Fan Martin Kapp samt passendem Schal.
Berlin - Heute Abend könnte es in der Weißen Taube an der Wiener Straße in Kreuzberg noch voller werden als sonst, wenn ein Fußballspiel von Bayern München im Fernsehen übertragen wird. Zu den Bayernanhängern, die dort üblicherweise schauen, wollen sich einige Fans des heutigen Gegners gesellen: Mitglieder des ersten Berliner Fanclubs der TSG 1899 Hoffenheim.
„Das Spiel in einer Bayern-Kneipe zu sehen könnte lustig sein“, sagt Johann Maria, studierter Politologe, praktizierender Verlagsmitarbeiter, bekennender Alt-Linker und 1. Vorsitzender des FC 1899 Berlin Xberg – schon dieses Kürzel für den Bezirksnamen kennzeichnet ihn als Kreuzberger aus Überzeugung. Dabei stammt der 54-Jährige aus Balzfeld, einem noch kleineren Dorf als Hoffenheim im Badischen. Seit 32 Jahren lebt er im Bezirk, wo er im Frühjahr den Fanclub gegründet hat. „Wir beobachten die TSG schon seit Jahren und erfreuen uns an ihrem schönen Spiel“, sagt er. Ausgerechnet Hoffenheim! Den verspotteten und heimlich beneideten Dorfverein, der vom Geld des SAP-Milliardärs Dietmar Hopp lebt.
Das Bekenntnis zum Milliardärsverein löste im Szenebezirk jedenfalls Erklärungsbedarf aus. Clubgründer Johann Maria sieht sich Anfeindungen ausgesetzt und will deshalb seinen Nachnamen nicht nennen. „Natürlich sind wir Alt-Linke nicht so gut auf Milliardäre zu sprechen“, sagt er. Aber eigentlich sei Hopp von seinen Gedanken her ebenso links: „Er investiert in Bildung, Sport und Krankenhäuser in seiner Heimat.“ Hopp könnte sein Geld auch auf den Bahamas ausgeben. Maria: „Wenn andere Investoren ähnlich handeln würden, hätte Deutschland weniger Probleme.“
30 Mitglieder hat der Hoffe-Fanclub bislang. „Gegründet im Jahr 28 nach John Lennon“, steht auf den Trikots. „Das zeigt, dass wir für Gewaltfreiheit und gegen Diskriminierung auch im Fußball stehen“, sagt Maria. Neben der Verehrung für den Ex-Beatle weist der Club noch weitere Besonderheiten auf: Es gibt einen „Integrationsingenieur“, ein „Sprachrohr für Lesben und Schwule im Sport“ und natürlich eine „Frauenbeauftragte“. Was die alle konkret zu tun haben, weiß niemand so genau, aber: „So etwas gehört in Kreuzberg dazu.“ Beitrag kassiert wird natürlich auch. Jeder gibt, was er will, mindestens einen Euro monatlich. Mit dem Geld werden die T-Shirts bedruckt. Wer Mitglied werden will, muss sich aber einem strengen Aufnahmegespräch stellen – Kreuzberg verpflichtet.
Und was würde Johann Maria machen, hätte er so viel Geld wie Hopp? „Ich würde Balzfeld groß rausbringen. Dann hätten wir in der Bundesliga ein geiles Derby.“ Mehr als drei Spiele der TSG haben die Mitglieder freilich noch nicht besucht. „Wir können nicht jedes Wochenende in der Gegend rumgurken, unsere Freundinnen sind wichtiger“, sagt Johann Maria. Aber wenn sie doch mal in ein Stadion kommen, sorgen sie stets für Heiterkeit, verteilen sie doch gerne Kondome mit dem Aufdruck „Hurra, wir kommen!“ Für heute erhoffen sie sich vor allem viele Tore.
Was tippt der Chef? 4:3 für Hoffenheim.
Karin Schmidl Berliner Zeitung, 5.12.2008
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